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Antrittsrede

 

 

Antrittsrede von Hr. Dr. Winger
zur feierlichen Amtseinsetzung
am 29.11.2007 im Musiksaal
des Gymnasiums Bad Waldsee

 

Sehr verehrte Frau Dr. Pacher,
sehr geehrter Herr Reichenmiller vom Regierungspräsidium,

sehr geehrter Herr Bürgermeister Weinschenk mit allen Mitgliedern der städtischen Verwaltung,
sehr geehrte Mitglieder des Gemeinderats,
sehr geehrte Fraktionsvorsitzende,

sehr geehrte Vertreter der Kirchen aus Tettnang und Bad Waldsee,

sehr geehrter, lieber Herr Eisele mit allen Mitgliedern des Kollegiums, der Verwaltung, der Eltern- und Schülerschaft des Gymnasiums Bad Waldsee – meiner neuen Heimat -,
sehr geehrte, liebe Frau Neubrand und Frau Schmidt als Vertreterinnen des Personalrats,
sehr geehrter, lieber Herr Professor Asche als Vertreter der Eltern,
lieber Julius als Vertreter der Schülerinnen und Schüler,

lieber Thomas Straub aus Tettnang mit allen Mitgliedern des Montfort-Gymnasiums, die Du mitgebracht hast, einschließlich unseres gemeinsamen „Stammvaters“ Herrn Strobel und der aus dieser Schule stammenden Schulleiter Uwe Beck aus Friedrichshafen – er ist heute leider verhindert - und Günter Erdmann aus Weingarten,
liebe Tettnanger,

sehr geehrte zukünftige Schulleiterkolleginnen und –kollegen aus der näheren und ferneren Umgebung,
lieber Herr Schmied als Vertreter der Schulleiter vor Ort,

sehr geehrte Schulleiter-Vorgänger (lateinisch maiores) in drei Generationen aus dieser Schule, Herr Dr. Pausch und Herr Butscher (sowie in der Ferne Ägyptens Herr Ritter),

verehrte, liebe weitere Ehrengäste und Freunde,
die ich Sie und Euch jetzt leider nicht alle namentlich nennen konnte,

Sie alle wissen: Bad Waldsee, Tettnang, Leutkirch und ich selbst – wir mussten warten. Dabei haben Thomas Straub als abgebender Schulleiter von Tettnang mit seiner Verwaltung und seinem Kollegium, und Gottfried Eisele als kommissarischer Schulleiter mit seiner Verwaltung und seinem Kollegium hier vor Ort Großartiges vollbracht: „Herzlichen Dank!“ Aber auch das Regierungspräsidium sowie alle meine Mitbewerberinnen und Mitbewerber haben immer mit großer Würde agiert. Auch dafür sei herzlich gedankt!

Mir hat die lange Wartezeit ein Gutes in ganz anderer Hinsicht beschert, nämlich einen Last-minute-Urlaub auf Kreta, und da wiederum eine besondere Begegnung: In einem wunderschönen Kloster bei Iraklion mit Blick aufs Meer haben wir eine schon sehr betagte, überaus liebenswerte Nonne getroffen, die Kreta zuvor nicht kannte, die von Geburt Festlandsgriechin ist und die lange Zeit – über 30 Jahre - in Koblenz Krankenschwester war und perfekt Deutsch sprach. Auf unsere Frage, wie und warum sie gerade hier an diesem Ort für ihren Lebensabend gelandet sei, sagte sie in tiefem, wirklich authentischem Glauben: „Es gibt Gott! Es gibt die Vorsehung! Ich bin ganz sicher: ‚Kreta hat mich gerufen!’“

Das Wichtigste, was ein Schulleiter zusammen mit seinem Kollegium, zusammen mit seinen Schülerinnen und Schülern, zusammen mit den Eltern, zusammen mit dem Schulträger und zusammen mit den Nachbarschulen heute zu leisten hat – und das gilt auch für hier am Gymnasium Bad Waldsee – ist das, was Sie, verehrte Frau Dr. Pacher, bei der Amtseinführung von Günter Erdmann in Weingarten gesagt haben: Schaffung einer „Kultur des Vertrauens“. Ohne dieses Vertrauen ist der moderne kooperative Führungsstil, ist Führung in der Demokratie – und ich füge hinzu – für die Demokratie nicht mehr möglich. Diese „Kultur des Vertrauens“ umfasst das Zutrauen in die Fähigkeiten der Anderen ebenso wie das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das hiesige Gymnasium nennt in den Vorgesprächen zum Leitbild als zentrale Eckpfeiler dieses Vertrauens „Wertschätzung“ und „Kommunikation“. Wir haben diese beiden – wie ich finde: sehr schönen - Elemente deshalb aufs Einladungsprogramm geschrieben.

Ich bin – wenn ich das so sagen darf – als mehrjähriger Referent für Sozial-, Wirtschafts- und Bioethik an der Universität München sowie als promovierter theologischer Ethiker jetzt unter der theologisch-ethischen Perspektive besonders an drei Zusammenhängen interessiert, die ich hier anführen möchte und für die ich mich in gewisser Weise kompetent fühle. Für jeden Bereich findet sich ein Bild aus unserer Schule auf der Einladungskarte. Freilich decken diese drei Bereiche das Schulgeschehen mitnichten ab. Dennoch sind es Kernthemen.

Das Bildchen mit dem Computer vom ästhetisch schön und ökonomisch effizient eingerichteten Sekretärinnen-Schreibtisch von Frau Laux: Es soll stehen für den engen Zusammenhang von Naturwissenschaften und Technik auf der einen und Geistes- und Kulturwissenschaften (dazu zählt auch Sport) auf der anderen Seite. Bis jetzt stehen diese beiden Blöcke als erratische Blöcke unverbunden nebeneinander. Dabei bin ich überzeugt: So, wie wir in München immer die Technik und die Naturwissenschaften als Gesprächspartner in die Theologie und Ethik hereingeholt haben und deshalb gehört wurden, brauchen wir für die hohe Zahl der dringend für die Zukunft benötigten Naturwissenschaftler und Techniker bzw. Ingenieure eine geistes- und kulturwissenschaftliche Fundierung. Es geht dabei gar nicht nur um das viel zitierte Stichwort der „ethischen Verantwortung“, sondern auch um die Identität stiftende und beinahe schon spirituelle Ausstattung der jungen Menschen: Wer will schon ein solitärer, lediglich funktionstüchtiger Technokrat sein? Um wie viel lieber ist man vielleicht Techniker, wenn man weiß „wozu“; „wem man nützt“; „wie man nützt“, „wie man sich selbst nähren kann“ – und vieles mehr. Da wartet Spannendes und sehr Innovatives auf uns! Und wir haben hier am Gymnasium großes Potential – nach allem, was ich bis jetzt gesehen habe. Nicht jede Schule hat derartige Ressourcen!
Dabei ist – wenn man den Ursprung der Wissenschaften in der Antike betrachtet – die Trennung gar nicht von vornherein da! Die weltberühmten Mathematiker Pythagoras, Euklid oder Archimedes etwa waren durchaus geistreiche und humorvolle Philosophen! Auch ist in dem griechischen Wort „oikos“ für „Haus“ das Miteinander gegeben: Die „Ökonomie“ als eher der Geisteswissenschaft zuzurechnende Disziplin sorgt für die geregelte wirtschaftliche Grundlage, die eher den Naturwissenschaften zuzurechnende Vernetzungsdisziplin „Ökologie“ für die stimmige Einbettung in die Grundgefüge der Natur. Als wissenschaftlicher und technischer Fortschritt – für den Christen sind das Synergie-Leistungen am Wirken Gottes, wie das jüngst auch die Forschungs- und Bildungsministerin Frau Dr. Schavan hervorgehoben hat – ist jeweils nur erlaubt, was von den Bedingungen der Natur mitgetragen wird. Und schließlich bedeutet „Ethik“ in der Übersetzung des griechischen „Ethos“ nichts Anderes als die „Kunst, im häuslichen Kontext ein Wohlgefühl zu schaffen“. Das umfasst das Ästhetische dann genauso wie die zwischenmenschlichen Bezüge. Und für Beides steht, wenn ich das so sagen darf, der Name „Laux“. Wer sie kennt, wird das bestätigen!

Das zweite Bildchen auf der Einladungskarte zeigt eines der schönen neuen, energiegedämmten roten Fenster, die uns die Stadt jetzt dankenswerter Weise eingebaut hat. Die Aufnahme stammt von dem Tag in den Herbstferien, an dem die Fenster gerade frisch geputzt wurden. Der Blick durch das rote Fenster ist also entsprechend klar. Man kann von Innen nach Außen und von Außen nach Innen schauen. Fenster werden geöffnet, Frischluft weht herein; die Perspektiven werden aufeinander zu bewegt. Austausch findet statt.
Spätestens seit dem 16. Jahrhundert – Stichwort: Niccolò Machiavelli – findet eine Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Kultursachbereiche statt. Das war ein positiver Prozess, der die Moderne unserer Kultur eingeleitet hat: Seitdem folgen etwa politische und ökonomische Prozesse zum größeren Nutzen des Gemeinwohls je eigenen Gesetzlichkeiten. Die Politik hat Interessen zu organisieren und Machtverhältnisse zu steuern. Die Ökonomie folgt dem Gebot wirtschaftlicher Rationalität und Effizienz. Später kamen die Medien als neuer Kultursachbereich hinzu, der den Prinzipien der Wahrheitsfindung und Transparenz verpflichtet ist – in der Demokratie unverzichtbare gesellschaftliche Werte! Auch den Sektor von „Bildung und Erziehung“ möchte ich als eigenes Prozessgeschehen erkennen, das eigenen Grundbedingungen und Rhythmen folgt. Prozess ist nicht Prozess. Politische Prozesse und pädagogische Prozesse sind nicht deckungsgleich. Sie folgen oft verschiedenen Tempi. Auch dürfen sie einander nicht verzwecken.
So sehr nun die Selbständigkeit all dieser Kultursachbereiche die Moderne erst geschaffen hat und sie immer wieder garantiert, so sehr wird heute auch klar, dass es ohne gemeinsame Leitbilder und Verhaltensmaßstäbe nicht geht. Demokratie zerstört sich selbst, wenn sie ihr gemeinsames Ethos aus den Augen verliert. Die Bischöfe haben das in einer Verlautbarung so formuliert: „Demokratie braucht Tugenden.“ Auf unseren lokalen Kontext Bad Waldsee übertragen heißt das: Ich bitte ganz inständig darum, die je eigenen Zielmargen und Dynamiken der ökonomischen, politischen, medialen und pädagogischen Prozesse unter den Leitzielen des „Wohles der Schülerinnen und Schüler am Ort“ sowie des Leitziels „Bildungsstandort und Bildungslandschaft Bad Waldsee“ aufeinander abzustimmen. Auch hier sind Vertrauen, Wertschätzung und Kommunikation gefragt. Um dasselbe bitte ich alle am pädagogischen Prozess unmittelbar Beteiligten: Die Schülerinnen und Schüler; die Kolleginnen und Kollegen; die Eltern. Lassen Sie uns die Fenster öffnen und eintreten in einen Dialog, der von der Zuversicht getragen ist, dass sich verschiedene Perspektiven gegenseitig befruchten.

Das dritte Bildchen zeigt mich beim Handschlag mit einer Schülerin aus der 10. Klasse, die jetzt in den Herbstferien im Musiksaal nebenan freiwilligen Lateinunterricht mit Schülerinnen und Schülern durchgeführt hat. Es soll das Thema „mutige Suche nach Kompromissen“ und „frohgemutes Stehen zu Kompromissen“ symbolisieren. Es wird eine ganze Reihe Kompromisse geben, die wir in nächster Zeit zu suchen und zu schließen haben.
Ich nenne beispielshalber drei Themenfelder:
Es gibt auch hier in Bad Waldsee eine wachsende Zahl von Eltern, die ihre Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen „ganztagesbetreut“ wissen wollen. Im Gegensatz dazu wünschen aber auch sehr viele Eltern ihre Kinder nach wie vor über die Mittagszeit und dann auch den einen oder anderen Nachmittag zu Hause. Hier gilt es, als öffentliches Gymnasium das Konzept der „offenen Ganztagesbetreuung“ mit Augenmaß und Blick für das je Notwendige und Mögliche zu realisieren.
Ein zweites Themenfeld ist die berechtigte Diskussion zwischen Kolleginnen und Kollegen, die möglichst viele zusätzliche Arbeitsgemeinschaften anbieten möchten, um das Schulprofil zu stärken, und denen, die den Kernunterricht möglichst gut und in kleinen Lerngruppen gesichert wissen wollen. Beide Perspektiven sind höchst honorabel. Aber aus Deputatsgründen sind auch hier nur Kompromisslösungen möglich.
Ein drittes zentrales Themenfeld schließlich ist die Frage, inwieweit man im laufenden Schuljahr den Unterrichtsprozess durch zahlreiche zum Teil „nebenunterrichtliche“ Zusatzveranstaltungen unterbrechen kann, soll und darf. Hier sind die Interessen der Schülerschaft, der Elternschaft und der Lehrerschaft – zumindest kurzfristig gesehen – nicht unmittelbar kongruent. Auch hier sind die Interessen entsprechend auszutarieren. Das erfordert auch hier das Gefühl für das „richtige Maß“ und die „rechte Mitte“.
Nun aber zum theologisch-ethischen Kern meiner Fragestellung zum „Kompromiss“. Als Christ liegt mir daran, welches „Handeln vor Gott“ denn „das richtige“ ist. Und hier hat vor allem die katholische Sozialethik der letzten Jahre auf der Basis der Tradition herausgearbeitet, dass nicht das hehre Ideal, das eine gesellschaftliche Gruppe unbedingt und sozusagen kompromisslos realisieren will, „das Gute“ im Sinne des „sittlich Guten“ ist, sondern dass der unter demokratischen Bedingungen mit Blick auf das jeweils Mögliche gefundene Kompromiss „das Gute“ ist, zu dem dann die Kompromiss schließenden Parteien auch zu stehen haben. Freilich erfordert das die ständige Anpassung an die geänderten Möglichkeiten und Bedingungen, die ständige Evaluation des Erreichten. Aber es kann im Grunde nicht sein, dass der Kompromiss von denen, die von ihrem Ideal im Sinne des Ganzen ein Stückweit preisgeben mussten, unterminiert wird. „Das Mögliche ist das Meiste!“ und „Wir müssen das Mögliche ermöglichen!“ – diese beiden Grundsätze sollten wir beherzigen. Wie vorher schon angedeutet: unter den Leitzielen des „Wohles der Schülerinnen und Schüler am Ort“ sowie des Leitziels „Bildungsstandort und Bildungslandschaft Bad Waldsee“. Deuten Sie bitte das auf der Einladungskarte unterlegte Wappen der Stadt Bad Waldsee in diesem Sinne!

Liebe Gäste, liebe Gastgeber: Wenn es uns gemeinsam gelingt – den Schülerinnen und Schülern; den Eltern; den Kolleginnen und Kollegen am Gymnasium wie der benachbarten Schulen; der Stadt als dem Schulträger; dem Regierungspräsidium als der vorgesetzten Dienstbehörde -, in den nächsten Jahren die Bildungslandschaft Bad Waldsee weiter auf dem Weg zu einer guten, schönen und effizienten Landschaft voranzubringen und zu gestalten, kann ich vielleicht nach einigen Jahren – so zumindest mein Wunsch für mich – in Anlehnung an die kretische Nonne sagen: „Bad Waldsee hatte mich gerufen!“ „Bad Waldsee hat Dir gut getan!“ „Du hast Bad Waldsee gut getan!“
Ich danke Ihnen herzlich für das Zuhören, für Ihr Kommen!
Ich danke herzlich für alle Beiträge in Form von Reden, von Vorführungen, von Organisatorischem!
Ihnen allen Dank für den wirklich schönen Empfang!